Montag, 27. Februar 2017

Ist der Holocaust anders als andere Genozide?

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27.2.2017
Holocaust Memorial Center - Budapest. Foto Takkk, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.
Holocaust Memorial Center - Budapest. Foto Takkk, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.
Wie verhält sich der Holocaust zu anderen Völkermorden? Ist der Holocaust ein Genozid? Ist er der Genozid schlechthin? Oder ist er nur ein Genozid (A Genocide lautet der Untertitel eines Buches des britischen Historikers Donald Bloxham)? Während mein Kollege und Freund ,der Historiker Yehuda Bauer,  einer der grössten Verfechter der Sichtweise ist, dass der Holocaust der ultimative und extremste Fall eines Genozids sei, ohne Präzedenz, sehen viele andere Historiker – wie Bloxham – den Holocaust als einen Genozid unter vielen.
Zusammenfassung eines Vortrags des Historiker Dan Michman vom 5. August 2013 im Melbourne-Holocaust-Zentrum.
Shoah, Holocaust, Churbn: Einige Anmerkungen zur Terminologie
Shoah, was Katastrophe bedeutet und – weniger, nur in die jüdische Welt verbreitet – das hebräische Wort Churban und seine jiddische Entsprechung Churbn, was „Zerstörung“ bedeutet, sind die Begriffe, die seit sieben Jahrzehnten in der internen jüdischen Debatte verwendet werden, um das Schicksal der Juden während der Ära des Nationalsozialismus zu bezeichnen. Unter Juden wurden sie schon von 1933 an benutzt. Andere Begriffe kamen in den folgenden Jahren und nach 1945 hinzu. Holocaust, ein griechisches Wort, das vollständig verbrannte Opfergabe bedeutet und sich ursprünglich auf heidnische Opfer bezog, wurde in der griechischen Fassung der Bibel benutzt, um das biblische Wort korban `ola (Brandopfer) zu übersetzen. Er wurde Ende der 1950er Jahre allmählich zum wichtigsten Begriff im Diskurs, just zu einer Zeit, als die erste Welle von vor allem deutschen Wissenschaftlern gesammelten Forschungsresultaten vorlagen, wonach der Antisemitismus und die Politik gegen die Juden nicht nur eine von vielen Facetten des Dritten Reiches waren, sondern ein zentraler Teil seines gesamten Wesens. Man kann sagen: Der „jüdische“ Bestandteil der Nazi-Ära wurde als einer mit einer besonderen, zentralen Bedeutung anerkannt, und es war eben diese Tatsache, die dazu führte, dass man nach einer klaren Bezeichnung suchte, d.h. nach einem auszeichnendem Beiwort für diese Besonderheit.
Yehuda Bauers Sichtweise – der Holocaust ist das extremste Beispiel des Phänomens „Genozid“.
Yehuda Bauers Sichtweise – der Holocaust ist das extremste Beispiel des Phänomens „Genozid“.
Methodische Annäherung
Man sollte der Tatsache Beachtung schenken, dass die Wörter Shoah, Churbn und Holocaust (ebenso wie eine Reihe weiterer, heutzutage nicht mehr gebräuchlicher) bereits existierende Begriffe waren, die in den Diskurs über das Schicksal der Juden aufgenommen, aber nicht eigens dafür geprägt wurden. Hinzu kommt, dass sie vage sind und nichts darüber aussagen, was genau passiert ist und wann. Der Begriff „Genozid“ hingegen wurde 1943 von Raphael Lemkin neu geprägt und 1944 an die Öffentlichkeit gebracht, mit der Absicht, Verbrechen wie die Ermordung der Juden mit einem universellen Begriff zu bezeichnen. Obgleich der von den Türken verübte Massenmord an den Armeniern im Jahr 1915 der Ausgangspunkt für Lemkins Überlegungen war (schon 1933), waren die Naziverbrechen, die in der Ermordung der Juden gipfelten, schließlich der Anlass für seine Initiative. Lemkin definierte Genozid wie folgt:
„… ein koordinierter Plan von verschiedenen Handlungen, die darauf gerichtet sind, die wesentlichen Grundlagen des Lebens einer Volksgruppe zu zerstören, mit dem Ziel, diese Gruppe selbst auszulöschen. Ein solcher Plan basiert darauf, die politischen und sozialen Institutionen, die Kultur, die Sprache, das Nationalgefühl, die Religion und die wirtschaftliche Existenz von Volksgruppen zu zerstören, dazu das Gefühl der persönlichen Sicherheit, die Freiheit, die Gesundheit, die Würde und sogar das Leben von Angehörigen der betreffenden Gruppen selbst. Genozid wendet sich gegen die Volksgruppe als einer Entität; die Handlungen richten sich gegen Individuen, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Individuen, sondern in ihrer Eigenschaft als Angehörige der Volksgruppe.“
Trifft diese von Lemkin vorgeschlagene Definition oder auch die verschiedenen späteren Definitionen – etwa in der UNO-Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Verbrechens des Genozids (1948) oder in der wissenschaftlichen Literatur – auf „den Holocaust“ zu?
Sichtweise vieler Genozid (-und einigen Holocaust-) Wissenschaftlern, wonach der Holocaust ein Fall von vielen Genoziden ist – vielleicht grösser als andere, aber im Wesentlichen gleich.
Sichtweise vieler Genozid- (und einiger Holocaust-) Wissenschaftler, wonach der Holocaust ein Fall von vielen Genoziden ist – vielleicht grösser als andere, aber im Wesentlichen gleich.
 Den Holocaust in Begriffe fassen
Im Lauf der Jahre haben Wissenschaftler verschiedene Definitionen des Holocaust entworfen; man findet sie in historischen Abrissen ebenso wie in Lexika und Wörterbüchern. Doch in jüngster Zeit hat es sich mehr und mehr eingebürgert, den Holocaust mit der systematischen Ermordung der Juden gleichzusetzen. Das ist ein Missverständnis. Eine gründliche Untersuchung des nationalsozialistischen Unternehmens zeigt, dass es im Kern dessen, was wir als Holocaust bezeichnen sollten, um den Versuch ging, den sogenannten „jüdischen Geist“ aus dem Universum auszulöschen. Hitler und seine Gefolgsleute glaubten an die Vorstellung von einer Welt, die von Juden und jüdischen Ideen vergiftet und drangsaliert [engl. „haunted“] wird. Der SS-Mann Dieter Wisliceny, einer von Adolf Eichmanns engsten Mitarbeitern, erklärte 1946, in der nationalsozialistischen Weltanschauung werde
„die Welt von guten und bösen Kräften gelenkt [würde]. Das böse Prinzip stellten nach dieser Ansicht  die Juden dar, deren Hilfsorganisationen die Kirche (Jesuitenorden), Freimaurerei und Bolschewismus waren. … Dieser Vorstellunswelt ist mit logischen oder Vernunftgründen absolut nicht beizukommen,  sie ist eine Art Religiosität, die zu Sektenbildung drängt. Millionen von Menschen haben … an diese Dinge geglaubt, ein Vorgang, der nur mit ähnlichen Erscheinigungen des Mittelalters veglichen werden kann, etwa dem Hexenwahn..“ (Yad Vashem Archiv, M-5/162, S. 8ff.)
Mit anderen Worten: Der jüdische Geist musste in einem Exorzismus ausgetrieben werden: indem man seine menschlichen Träger – die Juden – beseitigte und zudem einen nie endenden Kampf gegen alle Ausdrücke von „Jüdischem“ führte. Doch dieses „Jüdische“ war nicht das, was die Juden dafür halten, sondern betraf vielmehr alle Arten von Vorstellungen und politischen Systemen, die auf Gleichheit gründen und diese befördern. Der jüdische Geist war folglich ein weltweiter und verpestete das Universum; unter den zahlreichen Feinden Nazideutschlands waren die Juden die einzige Gruppe, die mit den Begriffen „Welt-“ bzw. internationales [Judentum] konnotiert wurde. Juden wurden als auf der Welt allgegenwärtig dargestellt. Zudem waren sie in der Vorstellung das verbindende Element in der Front all derer, die sich dem Nationalsozialismus entgegenstellen. In Hitlers großem Plan der Neustrukturierung der Welt auf der Basis des Rasseprinzips wurde der Krieg gegen die Juden die zentrale Obsession, die Hitlers gesamte Karriere begleitete. Die von ihm schon im September 1919 benutzte Formel von der „Entfernung der Juden überhaupt“ war und blieb das Leitprinzip seines Strebens. Diese extreme Vision war nicht auf Hitler beschränkt, so wichtig dies auch war; sie wurde von vielen niederen Funktionären geteilt und auch von Personen außerhalb der Bürokratie – in Deutschland und im Ausland. Der Nazi-Antisemitismus übernahm die Führungsrolle, radikalisierte dabei andere Arten von Antisemitismus und wurde so zu einem europäischen Unternehmen.
Der Exorzismus zur Entfernung der Juden und des Judentums war keineswegs einfach. Zu diesem Zweck mussten all die Juden, die verstreut lebten und oft nicht als Juden zu identifizieren waren, ausgetrieben werden. Dies geschah auf vielerlei Arten: durch rechtliche Bestimmungen, Kennzeichnung, Enteignung, Vertreibung und schließlich durch gut organisierten großflächigen Mord. Doch zur alles umfassenden Kampagne gegen den jüdischen Geist gehörte auch die Selbstreinigung – ein Entjudungskampf, der die deutsche Sprache, das Rechtssystem und vieles mehr betraf. Somit ging „der Holocaust“ weit über das typische Muster eines Genozids hinaus, bei dem eine Gruppe nach dem Verschwinden der anderen trachtet: Er war der Versuch, den „destruktiven jüdischen Geist“ ganz auszutreiben und der Genozid – Mord an den Trägern dieses Geistes – war ein Teil davon; die  Vernichtung von den Spuren dieses Geistes, wo immer sie entdeckt werden konnten, war das ultimative Ziel.
Meine Schlussfolgerung ist, dass der Mord an beinahe sechs Millionen Juden ein Teilergebnis der Endlösung war, die selbst nur ein Kapitel des Holocaust bildete.
Dan Michman, geboren 1947 in Amsterdam, lebt seit 1957 in Israel; nach dem Militärdienst studierte er an der Hebrew University in Jerusalem, 1978 PhD; seit 1983 leitet er das Finkler Institute of Holocaust Research an der Bar-Ilan University in Ramat-Gan und ist dort Professor für Modern Jewish History. Gleichzeitig ist er Chefhistoriker des International Institute for Holocaust Research an der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem.

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